Was bedeutet Fatima für uns heute?

Ein dankbarer Rückblick auf das Jubiläumsjahr

„Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich“. (Papst Benedikt XVI.)

Wer offenen Auges und wachen Geistes das Zeitgeschehen beobachtet, der wird erkennen: Fatima und seine Forderungen sind aktueller denn je“. (Erzbischof Karl Braun)

Wir haben das große Jubiläumsjahr von Fatima erlebt. Wie können die Themen, die wir in diesen Monaten neu entdeckt oder vertieft haben, auf einen Nenner gebracht werden? Auf die Frage „Was bedeutet Fatima für uns heute?“, die sich jeder persönlich stellen kann, darf hier eine der möglichen Antworten zusammengefasst werden.

Ich bin nicht allein! In seiner Liebe sorgt sich Gott um jede Person – um jedes Volk
Das scheint das Erste zu sein, was uns Fatima sagt. Gott kümmert sich um jede einzelne Kinderseele: Sorgsam bereitete er Lucia, Francisco und Jacinta auf die Ankunft der Muttergottes vor. Bereits 1915 ließ er die Kinder die besondere Gegenwart des Übernatürlichen erfahren: Lucia erzählt, wie sie „etwas wie eine Wolke, weißer als Schnee, durchsichtig und von menschlicher Gestalt“ sahen. Nach diesen ersten Anzeichen, die die Kinder in das Übernatürliche „eingestimmt“ hatten, führte sie die „Pädagogik“ Gottes weiter. Im Jahr 1916 folgten drei Engelserscheinungen, die schon die Hauptthemen Mariens ankündigten. Durch das schlichte „Engelgebet“, das sie nach der ersten Begegnung mit dem Boten des Himmels wiederholen sollten, vertiefte sich ihre persönliche Beziehung zu Gott und es formte sich ihre Mitverantwortung für das Heil derer, die den Glauben, die Anbetung, die Hoffnung und die Liebe nicht leben.

Gott führte die Kinder weiter: Als Beispiel kann eine Situation dienen, in der die neunjährige Lucia sich befand. Vor der zweiten Marienerscheinung (am 13.06.1917) geriet sie in einen akuten Gewissenskonflikt wegen der lästigen Befragungen, dem Gedränge, den Klagen ihrer Angehörigen und vor allem wegen der Drohungen ihrer Mutter, die ihre Tochter zwingen wollte, zu bekennen, dass ihr Zeugnis über die Marienerscheinung nur ausgedacht sei. Die Bitte Lucias, Maria möge sie in den Himmel führen, wehrte die Muttergottes ab, stärkte aber das Kind durch das Licht vom Himmel und durch tröstende Worte so sehr, dass sich bei Lucia praktisch alles veränderte. Sie konnte den nahe bevorstehenden Tod der ihr so ans Herz gewachsenen anderen beiden Seherkinder annehmen und ganz gelassen sagen: „Ich bleibe mit dem Unbefleckten Herzen Mariens noch einige Zeit auf Erden“.

Gott kümmerte sich um diese Kinderseelen – aber er kümmerte sich gleichzeitig auch um die versammelte Menschenmenge (an die 70.000 Menschen aus allen Teilen des Landes!) bei der letzten Marienerscheinung (am 13.10.1917). Zu diesen, zum Teil kritisch, ja sogar aggressiv eingestellten Menschen, redete Gott nicht mit den sanften Worten des Engels oder Mariens, sondern in der gewaltigen „apokalyptischen“ Sprache des großartigen Sonnenwunders. Wie stark dieser „Fortissimo-Akkord“ die Menschenmasse angesprochen hat, zeigen Zeugnisse wie dieses: „Tausende schrien: ‚Das Wunder! (…) Ich glaube an Gott! Ave Maria! Mein Jesus, Barmherzigkeit!‘ Sie weinten, schlugen an die Brust, bereuten ihre Sünden, beteten … Dann erhoben sie sich und sangen im Chor das Credo“. Fatima offenbart uns also einen Gott, der die Sorge um ein einzelnes Kind mit der Besorgnis um das Schicksal der Menge und der gesamten Völker verbindet, und das in einem der gefährlichsten Momente der Weltgeschichte: angesichts der nahenden russischen Revolution. Das alles tut Gott um des Menschenheils willen. „Die Herzen Jesu und Mariens haben mit euch Pläne der Barmherzigkeit vor“ – fasste der Engel die kommenden Geschehnisse in der Cova da Iria zusammen.

In Fatima öffnet uns Gott sein liebendes Herz und bietet den Menschen, den Völkern einen dauernden Zufluchtsort im Unbefleckten Herzen Mariens, die sagt: „Du leidest viel? Verliere nicht den Mut! Ich werde dich niemals verlassen. Mein Unbeflecktes Herz wird deine Zuflucht sein und der Weg, der dich zu Gott führen wird“ (13.06.1917). Gott kämpft für uns und siegt für uns. Aus dieser Perspektive heraus schreibt Sr. Lucia im Jahr 1980 an Kardinal Carlo Caffarra, der im Auftrag des Hl. Papstes Johannes Paul II. das Päpstliche Institut für Studien zu Ehe und Familie gründen sollte und der die Seherin aus Fatima gebeten hatte, für diese Mission zu beten: „Der Endkampf zwischen dem Herrn und dem Reich Satans wird über die Familie und die Ehe stattfinden. (…) Jeder, der für die Heiligkeit der Ehe und der Familie wirkt, wird immer und auf jede nur erdenkliche Weise bekämpft und angefeindet werden, weil das der entscheidende Punkt ist“. „Haben Sie [aber] – fügt sie hinzu – keine Angst, denn (…) die Gottesmutter hat dem Satan bereits den Kopf zertreten“.

Gott nimmt mich ernst: Er wartet auf meine Hilfe, ja auf meinen Trost!
In Fatima lädt uns Gott außerdem dazu ein, die Sünden der „undankbaren Menschen“ zu sühnen und unseren Gott zu trösten. „Was macht ihr? Betet, betet viel!“– rüttelt der Engel die Kinder aus ihrem Spiel in der stillen Mittagsstunde auf. – „Bringt dem Allerhöchsten unaufhörlich Gebete und Opfer dar. (…) Macht aus allem, was ihr könnt, ein Opfer, um die Sünden gutzumachen, durch die Er beleidigt wird und die Bekehrung der Sünder zu erflehen.“

Die Muttergottes zeigt den Kindern am 19.08.17 den dramatischen Ernst unseres Lebens auf: „Betet, betet viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet“. Bischof Rudolf Graber schrieb: „Eines darf man bei Fatima nicht übersehen: Es ist ein eschatologischer Aspekt, die Blickrichtung auf die Endzeit.“ Es scheint kein Zufall zu sein, dass der Kampf seitens des Widersachers besonders massiv gerade vor dieser Botschaft war: Die Erscheinung am 13. August wurde ja dadurch verhindert, dass die Kinder ins Gefängnis gebracht wurden. Und doch fand Gott einen Weg, diese wichtigen Worte, auch wenn mit 6-tägiger Verspätung, in die Welt zu senden: „… viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet“.

Die Hirtenkinder von Fatima boten sich als Opfer für die Bekehrung der Sünder an: Sie verzichteten bewusst sogar auf Notwendiges, wie das Brot oder das Wasser und nahmen alle Schwierigkeiten an, auf die sie trafen: „Die Hitze wurde immer größer. Die Zikaden und Grillen vereinigten ihren Gesang mit dem der Frösche des nahegelegenen Teiches und machten einen unerträglichen Lärm. Jacinta, entkräftet durch Schwäche und Durst, sagte mit jener Einfachheit, die ihr eigen war:

„Sag den Grillen und Fröschen, sie sollen ruhig sein. Mir tut mein Kopf so weh! Daraufhin fragte Francisco:
Möchtest du dies nicht für die Sünder leiden? Das arme Kind legte den Kopf in die Händchen und antwortete:
– Ja, ich will, lass sie singen“.

Als die Kinder gefangengenommen wurden, schlug Francisco vor, die Erfahrung der Abwesenheit der Eltern, die für Jacinta besonders schmerzlich war, Jesus als Opfer für die Sünder zu bringen. Heldenmütig opferte dann die Siebenjährige die Angst vor den Todesdrohungen und die vermeintliche Unmöglichkeit, ihre Lieben vor dem für sicher angenommenen Tod wiederzusehen:
„O mein Jesus! Es ist aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder, für den Heiligen Vater und zur Wiedergutmachung der Sünden, die gegen das Unbefleckte Herz Mariens begangen werden.“

Den Begriff „(Sühne-)Opfer“, von den Seherkindern so oft benutzt, ist heute im Allgemeinen nicht mehr gut verständlich. Es kann hilfreich sein, ihn mit „(stellvertretendes) Geschenk“ zu erklären. Pater W. Wermter erklärt, dass wir aus allen Situationen Geschenke für die Lebenden und Verstorbenen machen können, indem wir sie mit Liebe erfüllen (vgl. W. Wermter, Kelch des Lebens, November/Dezember 2016).

Entdeckung des Sinns des Lebens und des wahren Glücks
In der Mitverantwortung für die Rettung der anderen bekommt das christliche Leben eine starke Motivation und einen tiefen Sinn – auch (und besonders!) in der Krankheit, im Alter, im Misserfolg. Schon die Kinder können lernen, jede Schwierigkeit (Kopfweh, ein böses Wort, ein eigenes kleines Versagen …) in ein „Geschenk“ zu verwandeln. Die andere Seite der „Medaille“ eines solchen opferbereiten Lebens, das offen ist auf die weitere, eschatologische Perspektive, ist die wahre Freude. Durch jeden freiwilligen Verzicht und jede Anstrengung aus Liebe kann man Gott Freude bereiten. „Ich denke an Gott“, – sagte eines Tages Francisco – „der so traurig ist wegen der vielen Sünden! Wenn ich nur fähig wäre, ihm Freude zu machen!“

„Jesus, unser lieber Heiland, (…) du hast dein Leiden für uns aufgeopfert, damit wir in den Himmel kommen können. Auch ich kann meine Schmerzen zu einem Geschenk machen, wenn ich sie für andere, die Hilfe brauchen, die auch leiden, aufopfere. Nimm auch die Armen Seelen aus dem Fegfeuer zu dir in den Himmel auf, und schenke den Sündern die Bekehrung, damit sie nicht verloren gehen“ (vgl. W. Wermter, Freude an Gott, S. 35-36).

In diesem „dem Himmel-Freude-Bringen“ wird einem letztendlich selbst eine tiefe Freude zuteil, „die die Welt nicht geben kann“ (Joh 14,27). Wie Prof. Anton Ziegenaus betont, waren die Seherkinder „ernst, aber glaubensfroh und so angstfrei, dass sogar die Todesdrohung der Erscheinungsgegner sie nicht erschüttern konnte“. Froh waren sie, als sie die Möglichkeit entdeckten, durch das Tragen des Bußgürtels ein zusätzliches Opfer bringen zu können. „Immer fröhlich und zufrieden“ zeigte sich Francisco während seiner Todeskrankheit. Auf die Frage „Leidest du viel?“ antwortete er: „Ziemlich, aber mir macht es nichts aus. Ich leide, um unseren Herrn zu trösten“. Eines anderen Tages, als Lucia ihn wieder „sehr froh“ fand, fragte sie: „Geht es dir besser?“ und hörte als Antwort: „Nein, ich fühle mich schlechter. Aber es geht nicht mehr lange, dann komme ich in den Himmel. Dort werde ich den Heiland und die Gottesmutter sehr trösten“.

Die Botschaft von Fatima ist also keine Drohbotschaft (so wie sie von manchen Kritikern abgestempelt wurde), sondern eine echte Frohbotschaft: Ich kann Gott trösten und dabei selbst Freude erfahren! Ich darf den Lebenden und Verstorbenen helfen – sie für den Himmel retten!

Ein kindliches, reines Herz haben
Die Seherkinder in Fatima waren ganz einfach und ungebildet. Als am 13. Juli 1917 Maria das Wort „Russland“ aussprach, meinten sie, dass es sich um eine böse Frau handele, die sich bekehren sollte; Francisco dachte sogar zunächst an die Eselin eines Nachbarn, die „Russa“ hieß. Sie waren auch nicht frei von Fehlern, nicht vollkommen (siehe den empfindlichen Charakter von Jacinta, mit der ursprünglichen Tendenz, leicht beleidigt zu sein). In ihrer Einfachheit und in ihren Schwächen aber haben sich alle drei ganz Gott zur Verfügung gestellt. Je mehr wir das, was uns schwerfällt, in Geschenke für die Ewigkeit verwandelt haben, umso mehr Freude können wir auch empfangen, umso tiefer können wir an der Liebe Gottes teilnehmen (vgl. W. Wermter, Geschenke zum Himmel senden). Zu einem kindlichen Gottvertrauen und einer Demut, die uns „durchsichtig“ macht und den Widersacher abschreckt, erzieht uns Fatima auch heute: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8)! – „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Mt 18,3).

Die Aktualität der Fatima-Botschaft
Diese ist gerade in unserer individualistisch geprägten Gesellschaft besonders hoch. Die Kultur des Vergnügens (so gut wie alles muss Spaß machen, problemlos und bequem sein; schnelle und schmerzlose Lösungen werden erhofft) schwächt die Menschen, beraubt sie des Sinns für das reale Leben, macht sie empfindlich und schwach, ruiniert die Familien und gibt ihnen kaum eine Entwicklungsmöglichkeit. Der sog. „Mainstream“ strebt danach, eine endzeitliche Perspektive gar nicht ins Auge zu fassen und überfordert die Menschen zu guter Letzt durch die unvermeidlichen Tatsachen des Leidens, des Alterns und des Sterbens, die ohne Hoffnung erfahren werden. So zeigt die Kultur des Spaßes ihr wahres Antlitz als eine gnadenlose „Kultur des Todes“ (hl. Papst Johannes-Paul II.). Das Leben in „froher Opferbereitschaft“, dagegen, das offen ist für die Solidarität mit der streitenden, leidenden und triumphierenden Kirche, macht den Menschen „lebens-“, „gott-“ und „ewigkeitsfähig“.

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